Paul Verhoeven erzählt in seinem neuesten Film die spannende Geschichte der italienischen Nonne Benedetta Carlini aus dem 16./17. Jahrhundert, die erst aufgrund ihrer Visionen von Jesus und sichtbaren Wundmalen des Gekreuzigten verehrt wurde, dann aber in Ungnade fiel, als aufgedeckt wurde, dass sie ein sexuelles Verhältnis mit einer ihrer Mitschwestern führte. Die Geschichte Benedettas wurde erst in den 1980er Jahre durch eine Historikerin der Stanford University aufgedeckt, nachdem diese Prozessakten der Benedetta in Florenz entdeckt hatte. Und Paul Verhoeven erzählt die spannende Geschichte nun auf der Kinoleinwand.
Das tut er auch wirklich spannend, aber wie so gerne bei Verhoeven wird es an vielen Stellen einfach zu reißerisch, zu sensationslüstern. Er erzählt die erzählenswerte Geschichte der Benedetta nicht mit dem nötigen Feingefühl und Respekt, sondern guckt darauf wie ein Klatschreporter und schlachtet die pikanten Details regelrecht aus. Das ist zwar unterhaltsam zu sehen, wird aber der historischen Figur nicht gerecht. Und in den visionären Szenen, in denen die Spiritualität der Mysthikerin zum Tragen kommen könnte, kippt es dann in jene typische Voyeurismus-Drastik, die man bei Verhoeven in den meisten seiner Filme, allen voran "Robocop", "Show Girls" und "Starship Troopers" ausmachen kann. Das ist unnötig bzw. nimmt der Figur ihre Würde und lenkt vom an sich erzählenswerten Leben der realen Benedetta ab.
Inszenatorisch ist das aber wirklich sehenswert, Ausstattung, Kostüme und Szenenbild ist mit viel Liebe zu einer realistischen Darstellung umgesetzt, das riecht an allen Ecken und Enden förmlich nach der Zeit des Spätmittelalters. Die Geschichte ist gut in Szene gesetzt, alles ist flott erzählt und der Film hat keine Längen.
Auch die schauspielerische Leistung des Casts ist lobend zu erwähnen. Virginie Efira als Benedetta kann die Glut des Glaubens und die absolute Überzeugung der eigenen Auserwähltheit schon alleine mit dem Strahlen in ihren Augen darstellen, Charlotte Rampling als Äbtissin ist immer gut, ebenso Lambert Wilson als Nunzius des Vatikans, und Banedettas sexuelle Gespielin Bartolomea, die ihr – zumindest im Film – zur paradiesischen Schlange gerät, wird von Daphne Patakia mit ganz viel Kraft und aller Ambivalenz, die diese Figur hat, in Szene gesetzt.
Insgesamt gefällt mir der Film gut. Die Geschichte ist interessant und sollte erzählt werden, Verhoeven gelingt das auch spannend und realistisch. Allerdings wird er mit seinem Hang zum Voyeurismus und der Liebe zu drastischen Darstellungen der Figur nicht ganz gerecht, das gerät zu sensationslüstern, auch wenn die lesbischen Liebesszenen wirklich erotisch und intensiv sind. Aber ein zweites "Blau ist eine warme Farbe" passt überhaupt gar nicht zu der Geschichte einer Nonne mit den Wundmalen Christi Anfang des 17. Jahrhunderts und ihrem Kampf gegen die eigenen Dämonen und Gegnern in den eigenen Reihen.